„Ihr Wort wird weiter wirken“ - Zum Tode von Ruth Weiss
"Die Jahrhundert-Zeitzeugin und Holocaust-Überlebende Ruth Weiss lebt nicht mehr. Ruth Weiss war eine Brückenbauerin zwischen Kulturen, Zeiten und Kontinenten und eine starke Stimme für Demokratie und die universellen Menschenrechte.
Geboren wurde sie als Ruth Löwenthal am 26. Juli 1924 in Fürth in einer jüdischen Familie. Acht Jahre war Ruth alt, als die Nazis an die Macht kamen.
Ihre Situation veränderte sich von einem Tag auf den anderen. Sie wurde gemieden, im Unterricht nicht mehr aufgerufen, und ihre Schwester wurde mit Dreck beworfen. Aufgrund der rassistischen NS-Politik verlor ihr Vater Anfang 1933 seinen Arbeitsplatz in der Spielzeugbranche und entschloss sich zur Auswanderung nach Südafrika, die ihm mit Hilfe von Verwandten noch im selben Jahr gelang.
Seine Frau und die beiden Töchter, darunter die damals elfjährige Ruth, erreichten Johannesburg 1936 – auf dem letzten Schiff mit jüdischen Geflüchteten, das in Südafrika anlegen durfte. Erst nach Kriegsende erfuhren sie von der Ermordung ihrer Verwandten durch die Nationalsozialisten.
In Südafrika erlebte Ruth das Apartheidsregime, gegen das sie sich später engagierte. In ihrem Kampf lernte sie viele Freiheitskämpferinnen und -kämpfer, darunter auch Nelson Mandela, kennen. Den in Südafrika erlebten Rassismus gegenüber schwarzen Menschen und ihre eigene Diskriminierung als Jüdin beschäftigten sie ihr gesamtes Leben, waren Impuls und Thema ihrer journalistischen Arbeit und prägten zugleich ihre schriftstellerische Tätigkeit sowie ihr ehrenamtliches Engagement.
„Ich lernte, dass Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit keine Grenzen kennen, dass dies ein Unrecht ist, das überall zu bekämpfen ist“, so Ruth Weiss am 29. Januar 2023 in ihrer Rede im nordrhein-westfälischen Landtag anlässlich des Holocaust Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus.
Ihre Waffe sei das Wort, betonte sie stets, und hat ihr Leben und ihre Mission in ihrem letzten Buch „Erinnern heißt handeln. Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit.“ Noch einmal eindrucksvoll beschrieben.
Ruth Weiss’ Leben ist ein Beispiel für Zivilcourage, Widerstand gegen Rassismus und die Bedeutung von Bildung. Ihre Erfahrungen zuerst in Nazi-Deutschland, dann im südlichen Afrika und ihr lebenslanges, unermüdliches Engagement gegen Apartheid und Antisemitismus machten sie zu einer einzigartigen, wirkmächtigen Zeitzeugin mit globaler Perspektive.
Sie erhielt für ihr Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung sowie für ihre journalistische Berichterstattung über die Unabhängigkeitsbewegungen des südlichen Afrikas zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz und den südafrikanischen Nationalorden Grand Companion of O.R. Tambo aus den Händen von Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa.
Am 6. September starb Ruth Weiss nach einem langen, erfüllten und ereignisreichen Leben voller Tat- und Schaffenskraft im Alter von 101 Jahren im dänischen Aalborg
Ihr Wort wird weiter wirken, davon bin ich überzeugt. Ihre Lebensleistung und ihr Wirken sind Verpflichtung!“
Nachruf der Beauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur Sylvia Löhrmann für die Journalistin und Menschenrechtlerin Ruth Weiss
Ruth Weiss wird am Montag, den 15. September 2025, auf dem jüdischen Friedhof in Münster bestattet werden. Ihre Familie und zahlreiche Freundinnen und Freunde, darunter auch die Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur Sylvia Löhrmann, werden sie auf ihrem letzten Weg begleiten. Auch S.E., der Botschafter Südafrikas in Deutschland, Herr Stone Sizanider, wird ihr die letzte Ehre erweisen.
Das Video zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus, bei der Ruth Weiss am 27. Januar 2023 gesprochen hat, finden Sie hier: https://www.landtag.nrw.de/home/mediathek/video.html?kid=335b3558-8e9e-4cec-9469-0000002193C8
Mehr über Ruth Weiss erfahren Sie im Podcastgespräch aus der Reihe „Gegen das Vergessen“ mit ASB NRW a.D. Bundesjustizministerin a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: https://open.spotify.com/episode/04F1H6jtiLXuX3NLWfDKJt